Eine kleine Geschichte

Mein Freund öffnete eine Schublade der Kommode seiner Frau und holte daraus ein kleines Paket hervor, das in Seide eingewickelt war.

„Dies ist nicht einfach ein Paket, darin ist feine Wäsche.“
Er betrachtete die Seide und die Spitze.
„Dies habe ich vor 8 oder 9 Jahren gekauft, aber sie hat es nie getragen“.
„Sie wollte es aufbewahren, für eine besondere Gelegenheit. Nun ja, ich glaube jetzt ist der Moment gekommen.“
Er ging zu dem Bett und legte das Päckchen zu den anderen Sachen, die der Bestatter mitnehmen würde.

Seine Frau war gestorben.

Er drehte sich zu mir um und sagte: „Hebe niemals etwas für einen besonderen Anlass auf. Jeder Tag, den du erlebst, ist etwas Besonderes!“

Ich denke immer an seine Worte. Sie haben mein Leben verändert. Heute lese ich viel mehr als früher und putze weniger. Ich setzte mich auf meinen Balkon und genieße den Blick in die Natur, ohne mich am Unkraut im Garten zu stören. Ich verbringe mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden und arbeite weniger. Ich habe begriffen, dass das Leben aus einer Sammlung an Erfahrungen besteht, die man zu schätzen wissen sollte.

Außerdem schone ich nichts. Ich nehme die guten Kristallgläser jeden Tag, und ziehe meine neue Jacke zum Einkaufen in Supermarkt an, wenn mir danach ist. Ich hebe mein bestes Parfum nicht mehr für die Festtage auf, sondern trage es, wenn ich Lust habe. Sätze wie „irgendwann“ und „eines Tages“ werden aus meinem Vokabular verbannt. Wann immer es sich lohnt, will ich, was mir in den Sinn kommt, gleich sehen, hören und machen.

Ich weiß nicht, was die Frau meines Freundes getan hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie morgen nicht mehr da ist. Ich denke, sie hätte ihre Familie und enge Freunde angerufen. Vielleicht hätte sie sich für einen Streit entschuldigt, der lange her war.

Es sind die ganz kleinen nie getanen Dinge, die mich ärgern würden, wenn ich wüsste, dass meine Stunden gezählt sind. Ich wäre traurig, gute Freunde nicht mehr getroffen zu haben, mit denen ich schon so lange Kontakt aufnehmen wollte, irgendwann eben. Traurig, dass ich die Briefe nicht mehr geschrieben habe, die ich schreiben wollte. Traurig, dass ich meinen Lieben nicht oft genug gesagt habe, dass ich sie liebe.

Inzwischen verschiebe ich nichts mehr, bewahre nichts für eine besondere Gelegenheit auf, was ein Lächeln in unser Leben bringen könnte. Ich sage mir, dass jeder Tag ein besonderer Tag ist.

Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist besonders …

2014-08-17T06:44:44+00:00 Mittwoch, 26. Februar 2014|Herz & Verstand|
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